Wir spielen nicht für`n Appel und´n Ei
- Von Anke Scholz
- Erschienen in Ausgabe Nr. 132 (2026/1)
Anfrage: „Wir sind ein kleines Restaurant und suchen Musiker:innen, die gelegentlich bei uns musizieren, um bekannt zu werden. Wir können zwar keine Gage zahlen, aber wenn die Sache gut funktioniert und die Musik bei unseren Gäst:innen gut ankommt, könnten wir an den Wochenenden auch Tanzveranstaltungen machen. Sollten Sie also daran interessiert sein, Ihre Musik bekannt zu machen, melden Sie sich bitte bei uns.“
Antwort: „Wir sind Musiker:innen und wohnen in einem ziemlich großen Haus. Wir suchen ein Restaurant, das gelegentlich bei uns Catering macht, um bekannt zu werden. Bezahlen können wir nichts, aber wenn die Sache gut funktioniert und uns das Essen schmeckt, dann könnten wir das regelmäßig machen. Es wäre bestimmt eine gute Reklame für ihr Restaurant. Bitte melden Sie sich bei uns.“
Nein, diese Anfrage habe ich nicht bekommen, sondern aus den Tiefen des Internets geangelt. Ich aber erhielt folgende:
2018, Pfalz: Ob ich mir vorstellen könne bei einer Open-Air-Veranstaltung aufzutreten? Geld könne man, da Open Air, vom Publikum nicht verlangen, aber es wäre doch eine gute Werbung für mich, um mein Theater in der Region bekannter zu machen. Normalerweise arbeite man mit einer Tourneeagentur zusammen, die das Programm gestalte, dem Tourismusbüro Saalmiete bezahle und die gesamte Werbung mache. Da könne ich doch froh sein, dass ich nichts für meinen Auftritt bezahlen bräuchte.
2024, Bodensee: Ob ich im Stadtpark auftreten könne, für 400 €, alles inklusive. Auch da „ohne Eintritt für unsere Touristen, das würde ich doch sicherlich verstehen. Diese sollen sich ja wohlfühlen bei uns.“
Oder die vielen Straßentheaterfestivals, die Auftritte auf Hut für Kost, Logie und evtl. Fahrtkosten anbieten – es könnte auch ein Preisgeld drin sein (wenn es dem Publikum gefällt).
Im Sommer 2025 bekam ich diese E-Mail:
„Hallo Frau Scholz, meine Frau (Vereinsvorsitzende) hat mir Ihren Gastspielvertrag vorgelegt, zu dem ich noch einige Anmerkungen habe. Grundsätzlich würden wir Ihre Veranstaltung gerne unterstützen. Als Verein sind wir jedoch unseren Mitgliedern gegenüber verpflichtet, dafür zu sorgen, dass unsere Aktivitäten gewinnbringend (oder zumindest nicht verlustbringend) sind. Daher ist es für die Kalkulation wichtig, eine Spannbreite möglicher Besucherzahlen zu erfahren. Bilder oder Videos vergangener Veranstaltungen wären hier hilfreich. Wenn wir von der bisher genannten Spanne von 10-100 Besuchern ausgehen, ergäbe sich bei einem durchschnittlichen Eintrittspreis von ca. 6,50 € eine mögliche Einnahme zwischen 65 und 650 €. Bei einer Gage von 550 € blieben für uns zwischen 485 € Verlust und 100 € Gewinn. Dies ist für uns nicht annehmbar, da ein großes Verlustrisiko. Wir schlagen daher vor, das Risiko zu teilen (da ja Sie den größten Einfluss auf die Zuschauerzahl haben). Unser Vorschlag: Grundgage 200 € für die ersten 30 Besucher, für jeden weiteren Besucher 4 € zusätzlich. Damit läge ihre Gage zwischen 200 und 480 € Euro und unsere Einnahmen zwischen 135 € Verlust und 170 € Gewinn. Das heißt bis ca. 32 Besucher würden wir einen Verlust machen. Wir denken, das ist ein faires Angebot und wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung. Viele Grüße, der Schatzmeister des Tourismusvereins“
Nein, Herr Schatzmeister, das ist kein faires Angebot! Ich habe dankend abgelehnt und ihm stattdessen erklärt, was die Aufgaben und Risiken von Veranstalter:innen und von Künstler:innen sind. Hierbei griff ich auf ein Zitat von John Ruskin zurück, einem englischen Sozialreformer (1819-1900):
Das Verhältnis von Preis zu Leistung
Es ist unklug, zu viel zu bezahlen. Aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld – das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da die gekaufte Leistung die ihr zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann. Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres mehr zu bezahlen.
Brauchen wir also die Diskussion um eine Honoraruntergrenze und um faire, auskömmliche Honorare? Ja! Immer wieder und immer noch! Die Empfehlung zur Honoraruntergrenze wurde vom Bund darstellender freier Künste (BDFK) von 310 auf 360 € pro Vorstellung für KSK-Versicherte erhöht. Diese soll bei Fördergeldanträgen Berücksichtigung finden. In einigen Bundesländern fließt es in die Gastspielförderung ein, bei einigen nicht.
Klingt erstmal gut. Doch die Untergrenze sprengt, bei Anträgen konsequent angewendet, schnell die Fördertöpfe, da diese in der Gesamtsumme nicht erhöht wurden. Sie werden momentan gekürzt.
Klingt schlecht, wenn man weiß, dass sich die 360 € am Einstiegsgehalt (!) des NV-Bühne (Solo) ausrichtet und Berufserfahrung (und damit ein berechtigt höheres Honorar) nicht eingepreist wird.
Klingt noch schlechter, wenn man weiß, dass alle Auftrittsnebenkosten (Fahrt, Tantiemen, GEMA, Plakate, Übernachtungen etc.) bei einem fairen Honorar zusätzlich zu berechnen sind, die Veranstaltenden aber lesen: „Oh cool, 350 € für einen Auftritt.“ Die Macht der aufgeschriebenen Zahl „350 €“ aber ist groß und erfordert viel Rede- und Erklärungsbedarf in Honorarverhandlungen.
Die Verwirrung geht weiter: Was ist Gage, was Honorar? Gage = das Honorar, das eine Künstler:in für Ihren Auftritt erhält. Honorar = Vergütung für eine erbrachte Leistung. Alles klar?!
Das „Fair p(l)ay“ Programm der ASSITEJ richtete sich nach der HUG-Empfehlung. Soloselbstständige durften allerdings daran nicht teilnehmen, GbRs nach Diskussionen schon. Bei Künstler:innengruppen gilt: 350 € pro Spieler:in. Ob es eine Fortsetzung dieses Programms gibt, ist unklar, die Mittel... Jedoch: Wird wirklich fair bezahlt und gespielt bei diesem Preis?!
Können wir Künstler:innen auskömmlich von 360 € pro Auftritt leben, alle unsere Kosten und Betriebsausgaben bezahlen, Geld für neue Inszenierungen und Investitionen ansparen, Kinder großziehen, etwas sparen für den Notfall, Urlaub machen, zur Miete oder in eigenen Häusern leben und eine einträgliche Altersversorgung aufbauen?
Die Geschichte von der Fidelgrille bringt es poetischer auf den Punkt: Finden wir jemand die/der uns im kalten Winter (dem Alter?) mit durchfüttert und wir spielen voller Dankbarkeit als Lohn dafür? Reichen die Hoffnung und die Zuversicht, dass alles gut werden wird?
Nein! Wir arbeiten Vollzeit, sind sehr gut ausgebildet, beschäftigen weitere Menschen und tragen das komplette Existenzrisiko mit Selbstausbeutung.
Nein! Die Altersarmut erwartet uns mit offenen Armen!
Nein! Wir brauchen Erhöhungen statt Kürzungen von Kulturetats, Förderprogrammen und -töpfen für die freie Szene!
Deshalb müssen wir uns weiter stark machen für:
- eine faire, auskömmliche Bezahlung
- Förderung auch für kleinere Projekte, nicht nur für „Leuchttürme“
- die Anerkennung von Eigenhonoraren bei Fördergeldanträgen
- Kulturetats und -förderung auch in Landkreisen, Dörfern, in Schulen und Kindergärten
- Einordnung von Kulturausgaben nicht mehr als freiwillige Leistungen