Gemeinsam in die Zukunft
- Von Miriam Paul, Annika Schaper
- Erschienen in Ausgabe Nr. 132 (2026/1)
Was kann der VDP für den künstlerischen Nachwuchs tun? Wie lassen sich junge Bühnen auf dem Weg in die Tourneetätigkeit unterstützen? Was hat der Verband, das diesen Bühnen helfen könnte? Auf diese Fragen fand sich bei der VDP-Jahrestagung 2025 eine Antwort. Der VDP hat Spielstätten!
Das neu gegründete Referat „Kontakt Junge Bühnen“, bestehend aus Miriam Paul und Matthias Träger, hat daher ein Matching-Programm erarbeitet. Es soll jungen Kolleg:innen ermöglichen, ihre Abschlussarbeiten in Spielstätten von VDP-Mitgliedern zu zeigen und Erfahrungen zu sammeln. Den VDP-Häusern bieten solche Engagements die Gelegenheit für Austausch mit neuen Tendenzen und jungen Ideen der Figurentheaterszene.
Die Idee ist gut, aber der Weg zur Umsetzung war nicht ganz einfach. Es wurden von uns zwei Fragebögen entwickelt, einer für Spielstätten des VDP, einer für junge Bühnen, um Möglichkeiten und Bedarfe zu erfassen. Es erforderte einiges an Arbeit, hierfür einen Platz auf unserer Website zu finden, sie dafür einzurichten, eine sinnvolle Darstellung der Informationen von Bühnen und Spielstätten zu entwickeln und Abläufe zur Erfassung der eingehenden ausgefüllten Formulare zu entwickeln.
Jetzt ist es soweit! Alle bisher eingegangenen Fragebögen sind über den Marktplatz der Website zugänglich. Das Matching kann beginnen!
Und so geht’s: Feste Häuser hinterlegen ihr Profil im Marktplatz auf der Website des VDP und Absolvent:innen füllen zu ihrer Inszenierung einen Fragebogen aus. Beide Seiten können über den Marktplatz auf die jeweiligen Fragebögen zugreifen und so zueinander finden. Das Programm steht den Absolvent:innen aller Studiengänge und Ausbildungsstätten des Bereichs Figurentheater offen. Eingeladen sind Absolvent:innen aus Stuttgart, Berlin, Bochum, Warmsen oder aus eher performativen Studiengängen anderer Hochschulen. Als Spielstätten können sich VDP-Mitglieder, die ein Festes Haus betreiben, listen lassen.
Zur Teilnahme: Bitte füllt den Fragebogen für junge Inszenierungen bzw. den Fragebogen für Feste Häuser aus und sendet ihn an ; VDP-Mitglieder können ihre Daten auch gerne selbst im Mitgliederbereich einstellen. Wir sind gespannt auf Eure Rückmeldungen und freuen uns auf zahlreiche Eintragungen – viel Spaß beim „Matchen“!
Mein Blick als Veranstalterin - von Mirjam Paul / Theater Fadenschein
Seit nun sechs Jahren, seit ich eine eigene Spielstätte betreibe, frage ich mich, wie ich den künstlerischen Nachwuchs unterstützen kann. In meiner Anfangszeit als Spielerin hätte ich mir ein Netzwerk an interessierten Spielstätten gewünscht, bei denen ich mich mit meinen ersten Inszenierungen hätte bewerben können, um Spielerfahrung zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und ein Publikum zu erreichen.
Als Theater Fadenschein habe ich daher einen ersten Schritt gemacht und meine Bühne geöffnet indem ich das WEITBLICK HALBZEIT Festival für den künstlerischen Nachwuchs ins Leben gerufen und 2023 erstmals durchgeführt habe. Ein langes Wochenende mit vier Inszenierungen für Erwachsene und zwei Walkacts. Es war ein Experiment, das ich fortsetzen will. Es war allerdings für uns als Veranstalter recht aufwändig. Die Inszenierungen an unseren Theaterraum anzupassen und die Vorstellungen technisch umzusetzen, war weit zeitintensiver als von mir angenommen. Ein kurzfristig anberaumter Workshop zur Lichtprogrammierung, ein spontanes gemeinsames Livekonzert abends auf dem Theaterhof, große Wiedersehensfreude bei den Darsteller:innen, die sich seit dem Studium in alle Winde zerstreut hatten – es war ein sehr lebendiges, beglückendes und lehrreiches Wochenende für alle Beteiligten; auch für uns. Bei einer Wiederholung werde ich allerdings für jede Inszenierung einen vollen Tag für Aufbau und Wiederaufnahmeprobe einplanen, um unsere Nerven zu schonen und künstlerisch entspannt den Inszenierungen gerecht zu werden.
Ich kann die VDP-Spielstätten nur ermuntern, am Matching-Programm teilzunehmen – eine Begegnung mit den jungen Bühnen ist für beide Seiten bereichernd. Ich hoffe, dass die Tourneeerfahrungen an den sehr unterschiedlichen, oft kleinen, aber mit Herzblut betriebenen Spielstätten, der nahe
Publikumskontakt und die Organisationserfahrung jungen Bühnen Lust und Mut machen, den Weg als mobile Bühne einzuschlagen. Denn viele Kolleg:innen, die enorm viel im ganzen Land spielen, nähern sich dem Rentenalter und es kommen bisher nicht in gleichem Umfang junge Bühnen
nach. Ein Generationenwechsel steht an und ich hoffe, dass dieses Programm Lust darauf macht.
Perspektive einer jungen Bühne - von Annika Schaper
Ich bin Annika, Absolventin des Studiengangs Puppenspiel in Berlin. Nach einer kurzen Orientierungs- und Mutsammelphase habe ich vor kurzem beschlossen, als freischaffende Spielerin zu arbeiten.
Bereits am Ende des Studiums hatten meine Kommilitonen und ich die Möglichkeit, erste eigene Arbeiten auf Festivals zu zeigen und damit Gastspielerfahrungen zu sammeln. Das war zu Beginn ein Sprung ins kalte Wasser für uns alle, doch wurden wir von den verschiedenen Festivalteams stets gut aufgefangen und geleitet. Keine Frage war falsch und Fehler waren in Ordnung. Viele Festivals werden begleitet von einem Rahmenprogramm, in dem über das Berufsleben berichtet wird. Unser Einstieg in das Gastspielleben wurde uns also zunächst sehr leicht gemacht. Diese Erfahrungen haben mir geholfen, den Mut zu fassen, mich für die Freiberuflichkeit zu entscheiden.
Dennoch steht man als junge Bühne nun plötzlich im Dschungel unendlicher Möglichkeiten: Wo können wir spielen? Welche Häuser haben Interesse an Gastspielen junger Künstler:innen, wo finde ich Kontakte? Wie baue ich ein Netzwerk auf? Wie plane ich Zeiten sinnvoll? Was braucht mein Stück, damit es läuft, was ist unnötiger Ballast? Was für ein Auto nutze ich, wenn ich kein eigenes besitze? Sollte ich Anträge stellen oder einfach anfangen, Stücke zu produzieren und und und… die Fragen hören nicht auf.
Durch einen glücklichen Zufall wurde ich an diesem Punkt auf das Matching-Programm des VDP aufmerksam und ich wusste sofort, hier will ich mitmachen! Für mich als frisch gebackene Spielerin stellt das Programm eine Möglichkeit dar, den oben beschriebenen sanften Einstieg fortzuführen. Es geht mir dabei nicht nur um das Matching mit geeigneten Spielstätten, sondern auch um die Expertise und Berufserfahrung, der ich auf diesem Weg hoffentlich begegnen werde. Ich bekomme die Chance, langsam aber stetig ein eigenes Netzwerk aufzubauen und meine Energie erst einmal den Spielerfahrungen zu widmen, die ich so viel wie möglich machen möchte.
Für mich stellt das Programm eine gelungene Ergänzung zu dem bisherigen Angebot für Studierende und junge Absolvent:innen dar. Die vielen bereits existierenden Festivals, die sich an uns richten, sind eine großartige Chance Gastspielerfahrung zu sammeln und erstmals Stücke auf anderen Bühnen zu spielen. Aber was kommt nach dem Abschluss?
Denn dann geht es eigentlich erst richtig los. Die eigenen Stücke sollen möglichst viel gespielt werden, erst dadurch ist es möglich, unsere eigene künstlerische Handschrift zu festigen. Da reichen auf Dauer die Festivals nicht aus. Zumal diese häufig vom bereits bekannten Szene-Publikum, also anderen Künstler:innen und Spieler:innen besucht werden, einem entsprechend wohlgesinnten Publikum.
Im nächsten Schritt muss man natürlich auch einem alltäglichen Publikum begegnen. In genau diese Lücke passt das Matching-Programm! Als junge Bühnen haben wir die Chance, unsere Stücke in verschiedenen Spielstätten zu zeigen, uns mit den dortigen Gegebenheiten auseinanderzusetzen und dem Publikum zu stellen. Wir haben die Chance zu lernen, wie sich ein Stück entwickelt, wenn es tourt und nicht nur im vertrauten Umfeld gespielt wird. Wir können die Figurentheaterszene mit eigenen Augen kennenlernen und aus dem Wissenstopf derer schöpfen, die den Beruf schon eine ganze Weile machen.
Was erhoffe ich mir persönlich? Das Stück, mit dem ich am Programm teilnehme ist „Heinrich der Fünfte“, mein Diplomstück, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Robert Richter spiele. Es ist ein Stück für Kinder ab acht Jahren über Krieg, Zerstörung und feministische Selbstermächtigung. Wir hatten das Glück, das Stück bereits auf einigen Festivals zu zeigen und somit erste Gastspiel- und Tourerfahrungen zu sammeln. Allerdings fand sich dort häufig ein etwas älteres Publikum ein, als die von uns angestrebte Zielgruppe. (Auch wenn ich zutiefst daran glaube, dass gute Kinderstücke immer auch für uns Erwachsene von Bedeutung sind!)
Wir wünschen uns, das Stück zu seinem Publikum zu bringen, Schul- oder Familienvorstellungen zu spielen und zu erleben, wie es sich vor einem Saal voller Kinder bewährt. Durch das Matching-Programm erhoffe ich mir den Kontakt zu interessierten Bühnen, die das Zielpublikum ansprechen können und Kontakte zu Schulen und Pädago:innen besitzen, die wir nicht haben.
Ich wünsche mir, dass nicht nur Robert und ich als Spielende wachsen, sondern mit uns auch unser Stück. Nicht zuletzt hoffe ich, Vertrauen in uns selbst zu sammeln, so dass wir uns mehr und mehr wappnen für den Weg, den wir eingeschlagen haben.