Kaffee mit Hintergedanken
- Von Klaus Grimberg
- Erschienen in Ausgabe Nr. 131 (2025/2)
Manchmal schließen sich Kreise im Leben. 2001 absolvierte eine 16-jährige Gymnasiastin aus Braunschweig ein mehrwöchiges Schulpraktikum bei der Wolfsburger Figurentheater Compagnie. Von den vielen Praktikant:innen, die in der Bollmohr-Scheune nahe der Wolfsburger Innenstadt erste Schritte in die Welt des Figurentheaters gegangen sind, war sie eine, die in Erinnerung blieb. Die junge Frau machte Abitur und zog hinaus in die Welt: Studierte in Stuttgart und im finnischen Turku, gründete ihr eigenes Tourneetheater und war zuletzt im Figurentheater Bremerhaven aktiv. Nun – fast ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Praktikum – zieht es Lena Kießling zurück in ihre niedersächsische Heimat. Und an das Haus, in dem alles begann: Ab 2028 wird sie als neue künstlerische Leiterin die Wolfsburger Figurentheater Compagnie übernehmen.
Für Andrea Haupt ist die Sache eindeutig: „Es gibt keine Zufälle im Leben!“ Seit 1990 leitet sie gemeinsam mit Brigitte van Lindt das Theater in Wolfsburg, zunächst im Stadtteil Heiligendorf am Rande der Stadt, seit 2000 in der Bollmohr-Scheune mitten im Zentrum. Als die beiden Frauen kurze Zeit nach Mauerfall und Grenzöffnung in die Autostadt am Mittellandkanal kamen, war hier das schläfrige Flair des Zonenrandgebiets noch überall spürbar. Nun rückte die Stadt vom Rand der alten Bundesrepublik plötzlich in die Mitte des vereinigten Deutschlands. „Mit unserem Theater sind wir seither Teil der Erfolgsgeschichte Wolfsburgs geworden“, sagt Andrea. Spätestens seit dem Umzug in die Innenstadt seien die Figurenspieler:innen als Ensem-
ble-Theater mit einem kontinuierlichen Spielplan wahrgenommen worden. Längst ist die Figurentheater Compagnie ein elementarer Bestandteil des Wolfsburger Kulturlebens. Mit einem sehr treuen Publikum: Viele Eltern, die heute mit ihren Kindern zu den Vorstellungen kommen, kennen das Theater schon aus eigenen Kindheitstagen.
Wie sehr die Arbeit von Andrea Haupt und Brigitte von Lindt in der Wolfsburger Stadtgesellschaft geschätzt wird, zeigte sich Ende September, als die Figurentheater Compagnie ihr 35-jähriges Bestehen feierte. Neben vielen anderen Gratulant:innen aus Politik und Kultur lobte Bürgermeiste-
rin Angelika Jahns das Engagement der beiden Theaterfrauen und man merkte der Politikerin an, dass die Laudatio auf der Bühne für sie kein Pflichttermin war, sondern von Herzen kam. Auch Stephan Schlafke, 2. Vorsitzender des VDP, und Angelika Pauels aus dem UNIMA-Vorstand, würdigten in kurzen Ansprachen die Leistungen der beiden Theatermacherinnen.
Andrea und Brigitte selbst aber blicken am liebsten nach vorn. Vor allem seit feststeht, dass es mit ihrem Theater weitergeht. „Wir haben Lena immer im Augenwinkel gehabt“, erzählt Brigitte, „wir wussten, wo sie ist und was sie macht.“ Als sie 2024 mitbekamen, dass Lena aus familiären Gründen zurück nach Braunschweig gehen würde, war es für sie an der Zeit, „mal wieder Kontakt aufzunehmen.“ Lena kann sich daran noch genau erinnern: „Lass uns doch mal einen Kaffee trinken“, hieß es und sie nahm die Einladung gerne an.
Als sie zu der Verabredung erschien, zeigten ihr Andrea und Brigitte, was alles in den letzten Jahren so geschehen ist. Führten sie durchs Foyer, den Zuschauerraum und auf die Bühne, präsentierten die Werkstatt und sogar den Lastenaufzug. „Ganz schön große Vorrede zu Kaffee und Kuchen“, dachte sich Lena noch. Aber natürlich hatten Andrea und Brigitte einen Plan. „Uns war gleich klar, dass wir sie fragen würden, ob sie nicht das Haus übernehmen wolle“, sagt Brigitte. Der Kaffee war kaum eingeschenkt, da stand das Angebot schon im Raum. „Die beiden sind eben von der direkten Sorte“, erinnert sich Lena.
Es brauchte nur zwei weitere Treffen und schon war man sich im Grundsatz einig. Bis Ende 2027 wird Lena schrittweise in die Leitung des Theaters hineinwachsen. Bis zu diesem Zeitpunkt läuft die aktuelle Phase der institutionellen Förderung als Spielstätte durch das Land Niedersachsen. Den neuen Antrag für die Fortführung der Förderung soll schon Lena einreichen. Zum Jahreswechsel 2028 wird sie offiziell die alleinige Leitung des Hauses übernehmen.
Vor Ort präsent ist sie schon jetzt. Andrea und Brigitte vernetzen sie in der Stadt und stellen sie als das neue Gesicht des Theaters vor. Den Kulturdezernenten kennt sie bereits, im Kulturausschuss des Rats war sie ebenfalls zu Gast. Andrea lässt keine Gelegenheit aus, sie zu Gremien- oder Verbandssitzungen in der Stadt, aber auch auf Landesebene mitzunehmen und sie dort bekannt zu machen. Aus langjähriger Erfahrung weiß sie: Persönliche Kontakte zu den handelnden Personen sind wertvoll. Und es ist wichtig, sich in kulturpolitischen Diskussionen zu Wort zu melden und sich aktiv als Teil der Kulturszene einzubringen. Die Stadt Wolfsburg stellt dem Theater die Bollmohr-Scheune mietkostenfrei zur Verfügung, außerdem finan-
ziert sie eine halbe Bürostelle und die Stelle für ein Freiwilliges soziales Jahr. Aktuell laufen die Verhandlungen über die Verlängerung des Mietvertrags und eine Erhöhung der Stundenzahl für die Bürokraft an. Lena sitzt dabei mit am Tisch.
„Für mich ist es ein großes Geschenk, mich auf diese Weise einarbeiten zu können und schrittweise zu lernen, wie man ein Theater leitet“, sagt Lena. Für sie beginnt ein neuer Weg, für Andrea und Brigitte endet der Weg – zumindest in der Verantwortung. „Als Spielerin werde ich Lena auch nach 2027 noch zur Seite stehen“, sagt Andrea, „und ihr einige Zeit helfen, den Spielplan zu füllen.“ Wie Brigitte aber ist sie froh, die Leitung dann in gute, vertraute Hände zu geben. Die einstige Praktikantin wird dann die Geschicke des Hauses fortführen. Manchmal schließen sich Kreise im Leben.