"Etwas Besseres als den Tod …"
- Von Kristiane Balsevicius
- Erschienen in Ausgabe Nr. 131 (2025/2)
Leben und Sterben auf der Bühne – oder: Was wurde eigentlich aus den Bremer Stadtmusikanten?
Niemand stirbt auf der Theaterbühne überzeugender als die Puppe. Damit meine ich jenen spannenden Moment, wenn die Animation aufhört. Wenn der Spieler die Figur verlässt und den Zuschauer das kleine Erschrecken ihrer Leblosigkeit erfasst.
Als Berufsanfängerin faszinierte mich das Spiel mit dieser Schwelle. Im Kinderstück „Honig für den Fuchs“ verwechselte die Maus die Töpfchen, nimmt einen großen Schluck vermeintlichen Honig und erlebt die – fast – tödliche Wirkung des scharfen Senfs. Meine Handpuppe krümmte sich auf der Spielleiste, würgte, zappelte, zuckte, bis sie an der passenden Stelle schlapp machte (nun langsam aus der Figur herausschlüpfen), während der Bär (von Silke Technau gespielt) verzweifelnd danebenstand. Wie die Feuerwehr stürzte ich als Spielerin vor die Paravent-Bühne, erfuhr von den erregten Kindern, was passiert war, pflückte das leblose Tier von der Leiste, flößte ihm Medizin ein und verlangte „Was Warmes, zum Einwickeln!“ Die Kids wetteiferten mit Schals und Jacken, rissen sich manchmal sogar die Pullover über den Kopf… Liebevoll eingemummelt wurde die Maus zurück ins Bühnenbild gelegt. „Uff, das ist gerade noch gut gegangen!“ (Zurück hinter den Paravent, zurück in die Maus!) Die Figur atmete wieder und stand langsam auf. Mit großem Dank nahmen die Kinder nun den Schal oder die Jacke aus den Pfoten der genesenen Puppe vom Bühnenrand wieder entgegen. Ich liebte das Drama.
Der Tod schien mir interessant. Als ich in Stuttgart Handpuppenspiel unterrichtete, stellte ich das Thema „Oma stirbt“ als Kleingruppenaufgabe und ließ die Spielerinnen zunächst für die Erarbeitung der Szene allein. Plötzlich: ein lauter Aufschrei! Eine weinende Studentin stürzte aus dem Probenraum. Das Spiel hatte die schmerzhafte Erinnerung an den Tod ihrer geliebten Großmutter getriggert. Sehr betroffen und beschämt von diesem Vorfall ließ ich von nun an den Tod in meinen Kursen außen vor.
Viele Jahre später tobte ich mich noch einmal mit Silke Technau sterbend im Guckkasten aus. „Sorry“ hieß die kurze Szene von Flann O‘Brien, die wir mit zwei grotesken Figuren fünfmal variierten: Der Diener Xaver serviert seinem Herrn Skorabkowski irrtümlich Arsen statt Absinth. („Do you know what you‘ve done, you clumpsy fooool?!? I‘m dying !!!“) Die lange, dünne Figur schnappte nach Luft, zuckte, röchelte, tobte, verknotete sich – und erlag dem Gift in fünf Varianten. Ihr Diener schämte sich, litt, zitterte, trotzte, triumphierte schließlich und schlug zu guter Letzt mit der Schaufel den auferstehenden Herrn zurück ins Grab. Das Publikum brüllte vor Lachen.
Und dann lese ich zufällig, dass Ulrike Andersen den Tod der Bremer Stadtmusikanten spielt, ein Abschied vom Figurentheater Bremerhaven nach 25 Jahren, vom Publikum, von den Figuren. Jedes Tier stirbt für sich allein in ihrer 75 Minuten langen Inszenierung für Erwachsene. Das will ich mir anschauen! Wie kommt man auf so eine Hammeridee?
„Neugier! Der Tod ist der „abschiedigste“ der Abschiede! Ein Mysterium!“ sagt Ulrike „Wie nähert man sich dem Punkt? …ich übe schon mal!“
Aus Lust am Puppenbau begann sie vor zehn Jahren spielerisch mit dem alten Esel als Großfigur. Es folgte im Corona-Sommer der Hund. Später die Katze, zuletzt der Hahn. Auf unterschiedliche Weise gab sie den Figuren Hand und Fuß und kleidete sie „menschlich“ ein. „Ich habe mit meinem Körper alleine vor dem Spiegel probiert, auch mit Video… soweit das möglich war“, erzählt sie. „Wie geht sterben?“
Für die Erarbeitung der Szenen interessierten sie verschiedene Herangehensweisen und so ordnete sie den jeweiligen Tieren unterschiedliche Regie-Partner zu: einen Schauspieler, eine Sprecherzieherin, eine Tänzerin und einen Musiker. Kein Sprechtheater sollte das sein! Das war ein schwieriges Zusammenfinden. Letztendlich klappte bei diesem „Try out“ die Verständigung mit der Tänzerin am besten. Sie entdeckten gemeinsam Bewegungsbilder für die Tiere. Mit dem Esel hatte Ulrike Andersen bereits in Corona-Zeiten für den öffentlichen Raum einen Tanz erarbeitet.
Lange beschäftigte sie ihre eigene Rolle in dem Stück: „Wer bin ich als Spielerin für die Tiere? Bin ich Sterbebegleiterin? Ein Schutzengel? Der Tod? – Das hat mir alles nicht gefallen!“ Sie kommt zum Schluss: „Ich bin ihr Leben“.
Ich kenne Ulrike (Jahrgang 1952, wie ich) seit den frühen 1990er Jahren aus Bochum (Figurentheaterkolleg) und Stuttgart (Musikhochschule). Jahrzehnte später gastierte ich in ihrem kleinen, feinen Theater in der Packhalle im Bremerhavener Fischereihafen, das nun mitsamt ihrer ausgefeilten Kinderinszenierungen stückweise in die Hände ihrer Nachfolgerinnen vom Verein Figurentheater Bremerhaven e.V. übergegangen ist. Ihre Werkstatt in Bremen will sie behalten, aus Lust, weiter Figuren zu bauen. Das „Dicke Kind“ liegt schon fertig im Lager und wartet. Es wird die Hauptfigur für „Das Haus der Kindheit“ (von Marie Luise Kaschnitz), wo es um Erinnerungen gehen soll, die sprunghaft aufblitzen und sich an konkreten Dingen fest-
machen können. „Mein nächstes Stück! Das ist das andere Ende vom Sterben!“ Also doch kein Abschied vom Puppenspiel!
Am Abend sitze ich in der letzten Reihe im ausverkauften Theatersaal und schaue über weitgehend angegraute Zuschauerköpfe auf die große schwarze Bühne, wo ein alter Koffer, eine Pappkiste und ein Korb übereinandergestapelt sind. Ein gebrechlicher Hund mit einem großen Müllsack auf dem Rücken schlurft unendlich langsam herein, nimmt dort Platz, entkleidet sich bis aufs Hemd und „entpuppt“ auch die Spielerin aus dem Müllsack hinter sich. Auf das rote Wollknäuel, ein Bällchen, das sie wirft, reagiert er kaum. Er faltet seine Habseligkeiten zu ordentlichen Häufchen, drapiert die leere,
schwarze Mülltüte um sich herum zu einem Nest, verkriecht sich darin, bis er verschwindet – er hat sich selbst entsorgt. Die Spielerin erhebt sich.
Komplettes Gegenteil: der stramme, eitle Hahn, den die Spielerin aus der Pappkiste schält und die Bühne erobern lässt. Zu Fuß stolziert er herrisch mit Krücke. Er schnappt sich das Wollknäul, will es mit allem Starrsinn ausbrüten, pickt und hackt in alle Richtungen, auch auf die Spielerin – und erliegt in seinem Übereifer einem jähen Herzinfarkt. Die Kiste steht bereit.
Ulrike Andersen stellt alle Figuren mit den eigenen Füßen auf den Boden der nackten Bühnenfläche. Allein die Katze klammert sich mit Händen an den Korb, schwebt in ihrem Diva-Kleid über der Erde, setzt an zum Auftritt; guckt fragend und verloren und zerfällt nach und nach, wird immer kleiner. Zum Katzenkind geschrumpft fliegt sie davon, wird zärtlich wieder eingefangen und findet ihre letzte Ruhe im Korb.
All das geschieht vor mucksmäuschenstillem Publikum, das hin und wieder leise lacht, wenn der Hahn die Spielerhand am vermeintlichen Ei weg pickt, oder der Esel später seine kleine Ewigkeit braucht, bis er es geschafft hat, die Pyjamahose mitHilfe des Krückstocks über beide Beine hoch zu ziehen. Was für ein herrlicher Sieg! Der alte Esel genießt sein Leben trotz allen Unbills und tanzt, verschlungen um den Körper der Spielerin. Wir sehen, wie er plötzlich im Fluss der Musik entgleitet, herabsinkt… jetzt! Jetzt? Seine Augen blitzen noch!? Wo ist der Moment? Jetzt? Es ist ein innig-liebevolles Miteinander, der Kopf ist nun doch von der Schulter der Spielerin langsam auf halbe Körperhöhe herabgesunken und findet mit dem Kostüm sanft den Weg (zurück) in den Koffer, den sie verschließt.
All das ist wunderbar ruhig geführt, ernst, unsentimental, klug und sehr poetisch. Manchmal begleitet von Musik. Wir bleiben für uns in der Betrachtung des wortlosen Spiels. Allein das schwache Wuff, das fragende Miau, das hartnäckige Bog-bog des Hahns teilt uns die tierische Befindlichkeit mit, die wir anderweitig aus dem Gesichtsausdruck der Figuren, ihren Blicken, den Haltungen und den Bewegungen herausgelesen haben.
Am Ende schaue ich wieder auf einen Sperrmüllhaufen und sehe einen Friedhof auf der großen Bühne. Ulrike Andersen stellt das gerahmte Gruppenbild der Bremer Stadtmusikanten dazu und setzt sich auf die Kiste. Stille. Es wird dunkler. Das Geräusch vorbeiziehender Möwen weht durch den Raum.
Applaus!!! Und Danke.