PMO-Theaterkritik: Was ist Wirklichkeit?

Figurentheater Tübingen: „_night.flowers“ - Eine pianistische Séance

Frau von Goldberg legt sich nieder, ihre knochigen Hände mit den dicken Fingerringen ragen entspannt über die Ränder des Flügels. Sie legt sich mitten hinein in das Instrument, auf die vielen „Saiten“ ihres Lebens. Über ihr schwebt ein engelsgleiches Seelenwesen in duftiger Leichtigkeit. Dann klingt der Flügel nach – ganz von selbst. Er spielt wie von Geisterhand.

Was ist Wirklichkeit? Dieser Frage gehen der Figurenspieler Frank Soehnle und der Pianist Søren Gundermann in ihrer Inszenierung „_night.flowers“ auf eigensinnige und eigensinnliche Weise nach. Zu Beginn spricht eine Stimme (Christian Glötzner) aus dem Off: Frau von Goldberg vermisst ihren Mann, eigentlich schon seit Jahren. Sie weiß nicht so recht, wo er geblieben ist. Vielleicht hat sein Verschwinden mit dem Flügel zu tun? Zwei Männer werden engagiert, die Sache zu untersuchen. Aus dieser Situation entspinnt sich ein virtuoses Spiel mit Klängen und Figuren.

Zunächst wird das Instrument fachmännisch „warmgeklopft“ und es ist erstaunlich, welche Töne da herauskommen. Die sogenannten „Hämmerchen“ aus dem Flügelinnern entwickeln im Verlauf des Abends noch ihr Eigenleben. Es folgt der figurale Auftritt von Frau von Goldberg, in schweren Pelz gehüllt, mit reichlich Goldgeglitzer und langen Perlenketten auf dem Kopf. Die vom Leben gezeichnete Diva, macht eine Ansage ohne Worte: Ihre Ketten prasseln auf die Saiten nieder. Dissonanzen. Sie rufen die Geister aus dem Flügel hervor.

Eine „nightflower“ entwächst dem Flügel und betört den Pianisten mit ihrem Duft, dreht grazile Kreise, die bizarre Schatten werfen, nachdem sie ihre schlanken Beine in die Luft geworfen hat. Ein schwarzes Pferd, das seinen Platz im goldenen Bilderrahmen hat, ist von stolzer und ungebändigter Natur, klaut der Frau von Goldberg ihren Fächer und treibt damit Schabernack. Sein Pendant ist ein weißes Pferd, das in Schönheit erstrahlt und das schwarze Pferd verführt, bis sie sich beide einträchtig wie Ying und Yang den Goldrahmen teilen. Ein dicker Clown spuckt bunte Bälle auf die Saiten, die klirren und irren darauf herum, und der Clown lacht und lacht, lacht vor allem über Frau von Goldberg oder doch über sich selbst?

Der Flügel wird dank Geklopfe und der richtigen Fußtaste klanglich zu einer überdimensionalen Halle. Ihr entschlüpfen mehrere seltsam ulkige Wesen, gebaut aus den Hämmerchen. Hämmerchen als Nasen, als Augenringe, als Backen, als Haare; Hämmerchen in allen denkbaren Varianten. Die Szene aber ist bitter: Einer tanzt aus der Reihe und vollbringt eine wahres Klangkonzert auf den Saiten mit Hilfe einer Flasche. Aber er wird von den anderen verurteilt. Wer aus der Reihe tanzt, ist raus. Das ist eine klare Botschaft.

Noch gar nicht erwähnt sind die auf höchstem technischen Niveau gebauten Marionetten, die über und um den Flügel herum schweben und tanzen. Zwei, die getrennt erscheinen, finden einander, verschmelzen zu einer Figur. Frank Soehnle und Søren Gundermann bestechen durch ihre Meisterschaft und sind beide schon mit internationalen Preisen ausgezeichnet worden. Sie vertrauen in dieser gemeinsamen Arbeit ihrer jeweiligen Kunstform und hören einander zu. Die Kraft des analogen Spiels verzaubert das Publikum.

Diese Inszenierung übt einen Sog aus. Das professionelle Figuren-Tanztheater (Choreographie Karin Ould-Chih) im Zusammenspiel mit den wunderbar vielfältigen Klängen des Tasteninstruments zieht die Zuschauenden hinein in eine Welt der Poesie, eine Welt der Träume; eine Welt, die nicht klar geordnet ist, sondern das Unbewusste in uns weckt. Reales wird irreal und Irreales wird real.

Was ist also dann Wirklichkeit? Eins ist sicher: Die Puppe ist kein Mensch. Auch wenn uns das im Spiel von Frank Soehnle immer wieder anders scheinen mag. Ich habe sie jedenfalls gesehen, die alte Frau von Goldberg, wie sie sich zum Sterben niedergelegt hat. Ganz sicher.

Angelika Maria Gök

Spiel und Ausstattung: Frank Soehnle
Spiel und Komposition: Søren Gundermann
Sprecher: Christian Glötzner
Choreographie: Karin Ould-Chih
Kostüme und Bühne: Sabine Ebner
Foto: Julia Pogerth

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