Lichtblicke beim „Blickfang-Festival”

3. Internationales Figurentheater-Festival im Kloster Haydau/Altmorschen vom 14.-17.5.2015

von Günter Staniewski, Theater Laku Paka, Künstlerischer Leiter des Blickfang-Festivals

„Dancing Graffiti“, Bandart Prod. (Foto: Marc Loudon)

Ein internationales Festival in ... Altmorschen ?? – Der Ortsname verheißt nichts Gutes. Und doch hat sich hier in ‚Hessisch Sibirien‘ seit drei Jahren in einem ehemaligen Kloster ein überaus vitales Figurentheater-Festival entwickelt – alles andere als alt und morsch.
Dieses Jahr am Start: Bandart Prod./H, Finger and Thumb Theatre/GB, Irene Vecchia/I, Lempen Theatre/GB, Theater Zitadelle, Theater Eigentlich, Theater Laku Paka, Buchfink Theater, Fußtheater, Theater PassParTu, Krokodil Theater.
Die ganze Vielfalt unserer Kunst zu zeigen war wieder das Konzept des Festivals: Vom hemmungslosen Puppenspiel zu Zeiten der Renaissance bis zur kunstvollen Animation filigraner Figuren, vom Spiel mit Händen und Füßen über Objekttheater bis zum Tanztheater.
Aus der Vielfalt des Programms möchte ich einige, für unsere Festival-Landschaft eher unbekannte, aber sehr bemerkenswerte Inszenierungen vorstellen:

Bandart Productions aus Budapest verbindet mit „Dancing Graffiti“ Tanztheater und Lichtgraffiti. Der Medienkünstler Szabolc Tóth-Zs zeichnet mit seinem Tablet Bilder und Formen, projiziert diese auf die Außenwand des Klosters. Die Tänzerin Katalin Lengyel spielt mit diesen Zeichen, die aus nichts als Licht gemacht sind. Ein großartiges Zusammenspiel der beiden Künstler – flüchtiger, aber auch atemberaubender geht’s nicht.
Sie spielen die Geschichte vom Werden eines Menschen – von Geburt, Kindheit, Pubertät, vom Erwachsenwerden mit all seinen Kämpfen und Irrwegen, bis zur Entdeckung der eigenen, inneren Stärke. Die Zuschauer waren überwältigt von der Kraft der Bilder.
„Dancing Graffiti“ war zu Gast überall in Europa bei Tanz- und Straßentheaterfestivals, aber – kaum zu glauben – zum ersten Mal bei einem Figurentheaterfestival.

Irene Vecchia kam mit „Guaratelle“ direkt aus Neapel. Sie brachte mit ihrem Pulcinella eine Figur auf die Bühne, von der schon Goethe sagte, „dass der Ruf von Pulcinella derart sei, dass niemand in guter Gesellschaft sich rühmt, darin gewesen zu sein“.
Und so war auch das Publikum durchaus gespalten über so viel ‚Kloppe ohne Grund‘. Wer es aber vermochte, das Spiel aus seiner Zeit heraus zu verstehen, bekam etwas zu sehen, das von perfektem Timing nur so strotzte.

Drew Colby vom Finger and Thumb Theatre reist mit kleinem Gepäck. Zu Hause in England lebt er auf einem Hausboot. Wenn ein Hausboot gleichzeitig auch Proberaum ist, spielt man nicht mit voluminösen Figuren auf großen Bühnen. Drew Colby hat sich spezialisiert auf die Kunst des Handschattenspiels. Dabei macht er das 'Making-of' sichtbar für das Publikum. So hatten die Zuschauer den Genuss, gleichzeitig zu sehen, wie er mit Fingern und Daumen Illusionen erzeugt. Gerade das machte den besonderen Reiz aus.
Bei seiner Deutschlandpremiere von „Kleine Fabeln“ ­entwickelte Colby nur mit seinen Händen spielerisch leicht Geschichten von Mäusen, Hasen, Schildkröten, Füchsen, Löwen und Wölfen. Nicht zu vergessen der blaue Bär mit dem enormen Hinterteil und eine große Schar von Krusten- und Weichtieren. Und natürlich eine gehörige Portion Unfug.
Bei einem anschließenden Workshop gelang es den Teilnehmern unter seiner Anleitung recht schnell, einige einfache Charaktere auf den Spielschirm zu werfen.

Das Publikum wurde bei dem Festival in Haydau jeden Tag beschenkt mit zusätzlichen, kostenfreien Vorstellungen im Innenhof des Klosters. Dazu gehörte auch, wie in den Vorjahren, das Theater für Einzelgänger. Kurze Minidramen, immer nur für einen Zuschauer gespielt. Dieses Jahr u. a. mit dem Lempen Puppet Theatre aus Skipton/GB. Mit Liz Lempen ging man auf Entdeckungsreise durch den Magen. Daniel Lempen zeigte mit „Frankenstein“ die schaurig-schöne Entstehung einer Handpuppe. Außerdem gab‘s – klein in den Ausmaßen, groß in den Auswüchsen – „Neues von der Steinlaus“ und „Gans in Holz“ vom Theater Laku Paka.

Bewährt hat sich in Altmorschen die Einbeziehung örtlicher Kultur. So spielte zum Festival-Opening der Posaunenchor Binsförth, und es klang verdammt nach Augsburger Puppenkiste. Vor und nach den Vorstellungen bewirtete der Kulturverein Morschen die Gäste. Der Gottesdienst in der Klosterkirche wurde bereichert mit Theatermusik aus „The Journey of the Turtle“ des Lempen Puppet Theatre. Fünf Musiker-Puppenspieler spielten auf Xaphoon, Flöten, Hang, Bassklarinette und indischem Harmonium. Meditative Klänge in einem Raum mit bester Akustik. Die Kirche war voll wie an Weihnachten.
Am Nachmittag konnte man das Stück zur Musik sehen. Liz Lempen mit einer poetischen Reise ins Land der Schildkröten.

Das „Blickfang-Festival“ im Kloster Haydau ist noch jung, aber mit seinen drei Jahren nicht mehr wegzudenken aus dem jährlichen Angebot des Veranstalters ‚Kultursommer Nordhessen‘.
Das Publikum ist neugierig. Und solange man sich nicht langweilt in ‚Hessisch Sibirien‘, ist man durchaus auch offen für neue Theaterformen. Alle Vorstellungen waren mehr als ausverkauft. Nun freut sich die Region auf das kommende Festival vom 04.-08.05.2016.

Puppen, Menschen & Objekte, Ausgabe Nr. 113 (2015/2)

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