„Abschied nehmen muss man lernen!“

– Das Figurentheater Sonstwo beendet nach 25 Jahren den Spielbetrieb und bleibt sich treu

von Ralf Kiekhöfer

Zu Besuch bei Maja und Werner in Bottrop (Foto: Ralf Kiekhöfer)

Schon vor über einem halben Jahr hatte ich bei einem Auftritt in Bottrop einen Hinweis darauf gefunden, dass das Sonstwo Figurentheater bald eine Derniere gibt. In meinem Kopf ratterte es gleich los: „Warum? Die sind doch nicht viel älter als ich. Das Theater ist doch erfolgreich. Die sind doch eine Ruhrgebiets-Institution!“

Als ich ein paar Tage vor ihrem Abschiedsauftritt zum verabredeten Interview erscheine, muss ich erst einmal in den dritten Stock steigen, was lange dauert, weil das Treppenhaus über und über mit Plakaten, Figuren und Skulpturen aus 25 Jahren Theatergeschichte geschmückt ist. Auf dem Dachboden hängen, liegen und stehen unzählige Puppen sowie Masken, und als ich in der gemütlichen Sitzecke Platz nehme, schaut der gute Pirat Eberhard aus dem Sonstwo-Stück „Pirat Eberhard auf Kaperfahrt“ von seinem Regalplatz auf mich und mir ist klar: Hier fühle ich mich wohl, ich bin bei „Puppenspielers“, wie man im Ruhrgebiet sagt.

Seit 37 Jahren sind Puppen in Werners Leben. In seiner Erzieherausbildung war das Fach „Erfahrung im Handpuppenspiel“ bei der Dozentin Heidi Lohmann der Auslöser für das erste Kapitel „Sonstwo“ von 1979 bis 1989. In verschiedenen Besetzungen spielte man als Amateurbühne in der Region. Maja arbeitete zu diesem Zeitpunkt noch als Dipl. Pädagogin. „Nur weil Werner mein Mann war, musste ich doch nicht zwingend mitspielen!“ Das änderte sich, als die beiden 1989 den Dachboden als Theaterwerkstatt und Probenraum ausbauten. Maja konnte die Finger nicht von Wolli lassen, einer kleinen Stockfigur, die Werner für sein neues Programm „Dachbodengeschichten“ gebaut hatte und gemeinsam wagten sie den Schritt auf die Bühne. „Die Rückmeldungen waren so gut und ich hatte wirklich das Gefühl Dinge beseelen zu können, da haben wir es einfach weiter versucht.“ (Maja)

1989 ist also das Geburtsjahr des professionellen Figurentheaters Sonstwo. Learning by doing, bei anderen Puppenspielern in die Lehre gehen, nach Idstedt zum Puppenbauen, Kurse bei ­Peter K. und Benita Steinmann, zwei Stückproduktionen mit viel Reibung ... Die Mühen lohnen sich, schon bald finden Maja und Werner ihren „Sonstwo-Stil“: offen geführte Tischfiguren, die, wenn es künstlerisch nötig war, ganz unpragmatisch mit anderen Figurenarten gemischt werden konnten. „Die Figuren offen zu führen war ein entscheidender Schritt. Plötzlich hatten wir eine ganz andere Verbindung zu unserem Publikum, eine viel ­offenere Kommunikation. Auch die Bühnen wurden viel plastischer.“ (Werner)
Entscheidend für die Qualität der Inszenierungen war die Zusammenarbeit mit Silke Technau (Regie) und Stephan Schlafke (Beratung, Figurenbau, Bühnenbild). „Das war ein großer Motivationsschub, die Chemie stimmte einfach, wir konnten uns als Spieler fallenlassen, experimentieren und es wurden Dinge herausgekitzelt von denen wir vorher nicht zu träumen wagten.“ (Maja)

Von Beginn an gab es eine gute Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Bottrop, vor allem mit Gerd Heinemann, der für sein Engagement im Figurentheater 2003 vom VDP mit der Spielenden Hand geehrt wurde. „Irgendwann haben wir in einer Rotweinlaune eine Konzeption für ein Figurentheater-Festival geschrieben und an die Stadt geschickt. Erst zwei Jahre später, es hatte eine Umbesetzung im Kulturamt gegeben, rief Gerd Heinemann an uns sagte: „Prima, macht mal“.“

Für die 1. Bottroper Figurentheatertage 1991 (2013 gab es die 12. Auflage des Festivals) waren Maja und Werner noch vollständig selbst verantwortlich. Alle Freunde wurden zwangsverpflichtet, um die Arbeiten zu stemmen. Peter Steinmann lief bei der Abendvorstellung „Vom Fischer und seiner Frau“ zur Höchstleistung auf, das Bottroper Publikum lag ihm zu Füßen und das Festival erhielt zweijährig im Wechsel mit den Märchentheatertagen einen festen Platz im Stadtgeschehen. Für die künstlerische Auswahl, Organisation mit den Schulen und Technik sind bis heute Maja und Werner in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Bottrop federführend.
Bottrop blieb immer der Ankerpunkt. Neben dem normalen Tourneebetrieb im Kerngebiet NRW und Abstechern zu Festivals in Husum, Berlin, Pforzheim etc. waren Projekte in der eigenen Stadt eine Konstante im Sonstwo-Theaterleben. 17 Jahre werden im Bottroper Ferienzirkusdorf Kurse für Masken-, Großpuppen- und Skulpturenbau angeboten. Einjährige Projekte in Förderschulen z.B. zum Thema Sucht-Prävention führen die Schüler über Figuren und Masken in die Theaterwelt und zu Gastspielen in Berlin und Lübeck. Pflegekinder und Pflegeeltern lernen über das Figurenspiel neue Formen der Kommunikation, hinzu kommen Erzieherfortbildungen im Puppenbau, Figurenentwicklung für Gottesdienste, die Liste ist lang.

Gibt es eine Schnittstelle zwischen Kunst und Pädagogik? Werner lacht über diese, so oft mit einem Unterton gestellte Frage: „Theater ist immer eine Wanderung zwischen beiden Welten. Wir müssen doch die Kinder, die vielleicht zum ersten Male im Theater sind, erst an Kunst und Ästhetik heranführen. Allein das ist doch schon ein pädagogischer Ansatz. Eine therapeutische Vereinnahmung oder die moralische Keule haben wir immer rigoros abgelehnt.“ Maja ergänzt: „Viel wichtiger ist es, mit unseren Stücken zu berühren. Für mich galt immer der Satz – Geschichten sind Nahrung für die Seele, die uns helfen die Welt zu verstehen.“

Die Zeit von 2009 bis 2011 war geprägt durch das gewaltige Kulturhauptstadt-Projekt „Twins“ zum Thema Kasperiade. Drei Festivals, Ausstellungen, Symposien und Projekte mussten vorbereitet, durchgeführt und nachbereitet werden. Kontakt mit bildenden und darstellenden Künstlern aus den europäischen Partnerstädten, Kuratierung der Ausstellungen, große Walkact-Aktionen, unzählige Aufführungen an gewöhnlichen (Theatersaal, Aula) und ungewöhnlichen (Kohle-Abraum-Halde) Orten, das alles und noch viel mehr verlangte größte Kreativität, Durchsetzungsvermögen und Kraft. Rückblickend fragen sich beide, wie sie die drei Jahre bewältigt haben.

Nun stelle ich endlich die Frage: Ihr und Euer Theater habt einen derartigen Lauf, warum wollt Ihr überhaupt aufhören?
„Eigentlich haben wir immer gesagt, wenn wir 60 sind, hören wir auf, wobei wir offen gelassen haben, ob es Majas 60 sind oder meine. Natürlich gibt es auch das eine oder andere Zipperlein z.B. im Rücken; diese Schlepperei ist einfach die größte Belastung. Wir haben aber auch Kollegen gesehen, die nicht loslassen konnten, und das wollten wir auf keinen Fall. Wir wollen immer unseren Ansprüchen genügen und darum hören wir auf, wenn es am schönsten ist.“
„Abschied nehmen muss man lernen“, fügt Maja hinzu. „Theater machen ist einfach wunderbar! Wir wollen aber auch noch Kraft für viele Dinge haben, die noch kommen.“
Darum nun die Entscheidung, den Spiel- und Tourneebetrieb einzustellen. Projekte und Fortbildungen wollen Maja und Werner weiterhin durchführen.

Gibt es ein Fazit oder etwas, was die gemeinsamen 25 Jahre besonders geprägt hat?
Maja überlegt nicht lange: „Ich war vor 25 Jahren auf einem Stimmfindungsseminar bei Benita Steinmann. Ihr war immer besonders wichtig, dass wir uns nicht verbiegen, sondern authentisch bleiben. Irgendwann ging es nicht nur um die Stimme, sondern im weitesten Sinne um Theaterfindung. Viele von uns waren in der Entdeckungsphase, hatten Wünsche und Ängste. Wir spielten uns gegenseitig unsere Ideen vor und plötzlich sagte Benita zu mir: Stopp! Das bist Du! So wird Dein Theater sein! Und das ist 100%-ig eingetroffen, dafür bin ich ihr ewig dankbar.“
Ein Fazit möchte Werner nicht ziehen, denn beide werden weiterhin dem Puppentheater treu bleiben: Figuren bauen, endlich mal für sich selbst und nicht konkret für ein Stück, mit Masken experimentieren, andere Theater anschauen, Festivals anstoßen, tiefer in die Bildhauerei einsteigen, das alles aber mit viel Ruhe und vor allem mit freien Wochenenden, um Freunde zu besuchen oder einzuladen.

Ich habe zwei unglaublich inspirierende Kollegen kennengelernt, die mit viel Liebe und Verantwortung ein „Puppentheaterleben“ führen und vor allem eines haben: Humor! Trotz des eigentlich sentimentalen Themas haben wir viel gelacht und alle Anekdoten, die aus Maja und Werner herausgesprudelt sind aufzuschreiben, würde diese PMO sprengen. Stellvertretend die folgende:
Zu einer Kinder-Aufführung im Bottroper „Spielraum“ erschienen zwei erwachsene Punks in voller Montur. Sie wollten das Stück sehen und versprachen recht brav zu sein. Werner und Maja, immer für Neues offen, atmeten tief durch und spielten. Im Verlaufe das Stückes wurde es unruhig im Publikum. Was war passiert? Die Punks hatten ein Transparent entrollt und darauf stand: WOLLI - FANCLUB! Als Kinder hatten sie das Stück mehrmals gesehen und als sie jetzt in der Zeitung lasen, dass es noch einmal gespielt wird, wollten sie ihren alten Kindheitshelden hochleben lassen.
Soviel zur Nachhaltigkeit von Puppentheater.

Puppen, Menschen & Objekte, Ausgabe Nr. 111 (2014/2)

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